Frag Claude mal: „Was kostet bei uns eine Montagestunde?“ Du bekommst eine freundliche, flüssige Antwort, sogar mit Zahlen. Die Zahlen stammen nur aus dem Durchschnitt des Internets und nicht aus deiner Preisliste. Und Claude klingt dabei genauso sicher wie bei einer Frage zum Kaufrecht.
Auf YouTube haben deutsche Claude-Tutorials gerade Hunderttausende Aufrufe. Die sind gut, da lernst du Prompts, Projekte und Abkürzungen. Wie Claude deinen Betrieb kennenlernt, lernst du da nicht. Bei ChatGPT ist es ähnlich, obwohl es seit April 2025 ein Gedächtnis hat.
- Was die KI weiß und was sie nur so tut
- Was keine KI über dich wissen kann
- Fünf Leute, fünf Gedächtnisse
- Woran sich das ändert
Was die KI weiß und was sie nur so tut
Fair bleiben: Claude ist ein hervorragendes Werkzeug. Es hat, grob gesagt, einen großen Teil des öffentlichen Internets gelesen. Gesetze, Fachbücher, Foren, Handbücher. Es weiß, wie ein Angebot aussieht, wie ein Mahnschreiben klingt und was eine Gewährleistung ist.
Was es nicht hat, beantwortet es trotzdem. Bei der Montagestunde zum Beispiel. Die KI schweigt nicht, wenn sie etwas nicht wissen kann, sie liefert etwas Plausibles. Und weil das gut klingt, fällt es dir im Alltag nicht auf. Genau das macht mir mehr Sorgen als jede Antwort, die offensichtlich danebenliegt.
Individuelle Einschätzung
Wo steckt das Wissen in deinem Betrieb, das keine KI kennt?
Zum KI-Orientierungs-Call →Was keine KI über dich wissen kann
Da sind zunächst deine Zahlen. Preise, Rabatte, Stundensätze, Lieferzeiten, Zahlungsziele stehen nirgends im Internet, und das ist auch gut so.
Dann die Ausnahmen. Nehmen wir an, du hast einen Kunden, der seit zehn Jahren bei dir kauft, und bei dem rechnest du die Anfahrt nicht ab, weil ihr das irgendwann mal so ausgemacht habt. Das steht in keinem Vertrag. Das weiß der Kollege, der ihn betreut. Solche Ausnahmen hat jeder Betrieb, und zwar nicht zwei oder drei, sondern dutzende.
Und deine Sprache. Wie ihr mit Kunden redet, was ihr nie versprecht, welches Wort bei euch verboten ist. Das lernt eine KI nicht aus dem Internet, sondern nur aus euren Mails.
Klar, dafür gibt es in Claude Projekte. Du lädst Preisliste, AGB und ein paar Musterangebote hoch, und in diesem Projekt weiß Claude Bescheid. Das ist ein echter Fortschritt, ich nutze das selbst. Nur hört es an drei Stellen auf. Es passt hinein, was in einige hundert Seiten passt, und dein Betrieb hat mehr. Was du hochlädst, ist ab morgen veraltet, denn die Preisliste ändert sich und der Kunde zahlt plötzlich doch die Anfahrt. Und das Projekt gehört deinem Konto. Dein Kollege hat ein anderes, mit anderen Dateien oder ohne.
Wenn ich das jemandem erkläre, rede ich meistens von einem Rucksack. Du packst ihn, du trägst ihn, und er wird nicht von allein schwerer, wenn im Betrieb etwas passiert.
Fünf Leute, fünf Gedächtnisse
ChatGPT geht einen anderen Weg. Seit April 2025 kann es auf frühere Chats zurückgreifen und merkt sich Vorlieben, Tonfall und wiederkehrende Themen. Ich hab mir angeschaut, was es sich bei mir gemerkt hat: meine Schreibweise, meine Lieblingsformate und dass ich Duzen bevorzuge. Immerhin. Nicht einen einzigen Kunden, nicht einen Preis, nicht einen Ablauf.
Das ist kein Fehler, sondern genau das, wofür das Gedächtnis gebaut wurde: für einen Menschen und sein Konto. Interessant wird es, wenn du das auf einen Betrieb überträgst.
Ein Beispiel, die Namen sind ausgedacht, der Ablauf nicht. Montag, acht Uhr: Kunde Meier will ein Nachtragsangebot. Du tippst „Schreib ein Angebot für Meier“, und ChatGPT fragt zurück, wer Meier ist, was ihr für ihn macht und welche Preise gelten. Also erklärst du es. Dienstag übernimmt dein Kollege, öffnet sein ChatGPT und will eine Antwort wegen der Lieferzeit. Wieder die Frage, wer Meier ist. Er erklärt es auch, nur anders als du, mit anderen Zahlen aus dem Kopf. Am Mittwoch fragt Meier, warum im Angebot ein anderer Preis steht als in der Mail.
Beide KIs haben ein Gedächtnis, beide erinnern sich seit Montag lückenlos. Jede erinnert sich nur an einen anderen Meier. Bei fünf Leuten mit ChatGPT gibt es fünf Gedächtnisse, und keins weiß, dass Meier seit März einen neuen Ansprechpartner hat.
Was das kostet, kannst du selbst nachzählen: Wie oft erklärst du der KI am Tag, wer der Kunde ist und was er schon bekommen hat? Bei den meisten, die ich frage, sind das drei- bis fünfmal, je zwei, drei Minuten. Schnell zehn Minuten am Tag, pro Person. Aufs Jahr gerechnet sind das ungefähr vierzig Stunden, und die falschen Preise beim Kunden sind da noch nicht drin.
Selbst bauen
Ein Gedächtnis für den ganzen Betrieb, in vier Wochen aufgebaut
Zum COMPANY BRAIN Builder →Woran sich das ändert
Das hab ich an meinen eigenen Arbeitsverträgen gemerkt. Die hatte ich jahrelang aus derselben Vorlage weiterverwendet, Name, Datum, Gehalt, fertig. Als ich sie prüfen lassen wollte, hat mir der Anwalt 400 bis 500 Euro angeboten. Also hab ich erst mal die KI gefragt, was an so einem Vertrag heute noch stimmt. Zurück kam Lehrbuch: allgemeine Klauseln, allgemeine Risiken, alles richtig und für meinen Vertrag nutzlos. Erst als sie meinen Vertrag hatte, meine Branche und meine Besonderheiten, kam etwas heraus, mit dem ich zum Anwalt gehen konnte. Die Prüfung hat am Ende rund 150 Euro gekostet.
Die KI war beide Male dieselbe, und am Prompt lag es auch nicht. Anders war nur, was sie über mich wusste. Eine KI ist so gut wie das, was sie über dich weiß.
Der naheliegende Ausweg wäre, ihr jedes Mal alles mitzugeben: Kundenliste, Preisliste, Ausnahmen. Das geht, nur ist die Liste morgen veraltet, sie liegt in deinem Konto und nicht in dem deines Kollegen, und wenn der Kollege geht, nimmt er sein Gedächtnis mit. Ich kenne keinen Betrieb, der das länger als zwei Wochen durchhält.
Deshalb drehe ich die Richtung um. Statt der KI jedes Mal den Betrieb zu erklären, wird der Betrieb einmal so abgelegt, dass jede KI ihn lesen darf. Ich nenne das ein Company Brain. Darin liegen deine Zahlen, deine Ausnahmen und deine Sprache, auf deinem eigenen Server. Es bleibt aktuell, weil es aus dem gefüttert wird, was im Betrieb sowieso entsteht, und es ist für alle im Team gleich, egal mit welchem Konto jemand fragt. Claude darf hineinschauen, ChatGPT auch, oder ein Modell aus einem deutschen Rechenzentrum. Das Gedächtnis von ChatGPT bleibt für das, wofür es gebaut ist: dich als Person.
Damit nichts beschönigt wird: Die erste Woche ist Aufräumen. Da tauchen Preislisten in drei Versionen auf und Ausnahmen, die keiner mehr erklären kann. Und welche Daten überhaupt hinein dürfen, entscheidest du als Chef selbst, das lässt sich nicht delegieren. Wie du sensible Daten vorher schützt, steht in meinem Beitrag zum Datenschutz beim KI-Einsatz.
Probier den Test vom Anfang ruhig mal aus. Frag Claude eine Zahl aus deinem Betrieb und schau, wie weit die Antwort danebenliegt. Mich würde interessieren, ob es eher zehn Prozent sind oder hundert.